Information Gehirn

Eine kurze Einführung: Wie funktioniert das menschliche Gehirn normalerweise?

Die folgende Darstellung versucht die weitaus komplizierteren und detaillierteren Erkenntnisse der Hirn- und Trauma-Forschung für die Allgemeinheit zugänglich zu machen und ist deshalb etwas schematisch und stark vereinfacht. Die folgenden Gehirnteile sind für das Verständnis der Trauma-Vorgänge relevant:

  1. Das Stammhirn (Thalamus) ist eine Art "Schaltzentrale", ähnlich einer Telefon-Vermittlungsstelle. Es stellt Verbindungen zwischen den ankommenden Sinnesreizen (vom Rückenmark, Sehnerv, Hörnerv, usw.) und den anderen Gehirnteilen her.
  2. Die Amygdala dient als eine Art "Vorfilter" für Sinneseindrücke, das "unwichtige" Sinneseindrücke von wichtigen (ggf. überlebenswichtigen) unterscheidet und ihnen eine Bedeutung zuordnet. Hier entstehen die grundlegenden Gefühle von Angst und Wut.
  3. Der Hippocampus erzeugt eine räumliche Karte der Umgebung (Orientierung), speichert einfache Erinnerungen, und kategorisiert die Erfahrungen ähnlich einer Skizze.
  4. Die impliziten Gedächtnisse sitzen in den evolutionsgeschichtlich älteren Teilen des Gehirns (unser "Dinosaurier-Gehirn").
    Sie speichern die vor-interpretierten Sinneseindrücke aus der Amygdala und kategorisierte Erfahrungen aus dem Hippocampus weitgehend uninterpretiert. Für jeden Sinn gibt es mehrere voneinander getrennte unabhängige implizite Gedächtnisse: so gibt es beispielsweise eins für Töne und Geräusche, eins für Gerüche, für Farben und Formen, und so weiter.
  5. Die Inhalte der impliziten Gedächtnisse sind nicht zeitlich sortiert, sondern kategorischer Art wie z.B. "Heiße Herdplatte = Verbrennungsgefahr" oder "Torte = Nahrungsmittel = Speicheldrüsen aktivieren" oder "lautes Explosionsgeräusch = Lebensgefahr = sofort in Deckung werfen ohne lange nachzudenken". Es ist wichtig zu wissen, dass diese nicht-zeitliche Interpretation auf relativ niedriger Ebene stattfindet (wie bei Tieren) und einen "automatischen" Charakter hat, und dass es unabhängig vom expliziten Gedächtnis und oftmals auch unbewusst abläuft!
  6. Das Großhirn (auch Neokortex genannt) ist beim Menschen prozentual sehr viel größer als bei fast allen anderen Tieren; es ist entwicklungsgeschichtlich das Jüngste und Sitz des normalen Alltags-Bewusstseins und Alltags-Gedächtnisses. Man nennt dieses Gedächtnis auch das explizite Gedächtnis oder narratives Gedächtnis, weil es längere Szenen und Geschichten speichern und wiedergeben kann. Es ist in der Lage, längere Ketten bzw zeitliche Folgen von Ereignissen oder Sinneseindrücken zu bewerten, zu interpretieren, und ihnen einen Sinn zu geben. Das Großhirn arbeitet wesentlich langsamer als alle anderen Gehirnteile, dafür kann es aber auch wesentlich mehr (was nicht zuletzt auch den Unterschied zwischen niederen Tieren und Primaten / Mensch ausmacht).

Zum Verständnis der Trauma-Vorgänge ist wichtig, dass man sich den "Datenfluss" durch dieses System genauer ansieht: die Sinnesreize (vom Sehnerv, Hörnerv, Rückenmark usw.) laufen als erstes im Thalamus ein, wo sie vorgefiltert und durch die Amygdala vor-interpretiert werden. Beispielsweise werden hier bereits bestimmte Formen wie z.B. Buchstaben oder Silhouetten wie die eines angreifenden Tigers erkannt. Diese schematische Erkennung geht sehr schnell (reflexhaft) und unabhängig vom Großhirn; dies war in der langen Evolutionsgeschichte ein deutlicher Überlebens-Vorteil.

Als Ergebnis dieser Vor-Interpretation kommen Meldungen wie "Gefahr" oder "Liebes/Fortpflanzungs-Partner entdeckt" heraus. Auch absolute Grundgefühle wie Angst und Wut können hier bereits entstehen, sogar ohne Zutun der impliziten Gedächtnisse, geschweige denn des Großhirns. Diese "Dinosaurier-Ebene" ist auch heute noch für unser Überleben wichtig! Die vor-interpretierten Sinneseindrücke werden nun an den Hippocampus und an das implizite Gedächtnis weitergeleitet. Letzteres sucht nach passenden Vorerfahrungen, die ggf. auch die gleichen Gefühle wie bei den Vorerfahrungen auslösen. Das Ergebnis der Kategorisierung wird an das Großhirn weitergeleitet.

Über diesen Weg gelangen vermutlich auch die ausgelösten Gefühle wie z.B. Wut oder Angst in das Bewusstsein (sofern sie von der Schaltzentrale "durchgelassen" werden). Man nimmt an, dass auch Erfahrungen aus dem Großhirn wieder in die Amygdala zurückwandern und dort Gefühle auslösen können.

Als Ergebnis dieser Bewertungsvorgänge kommen je nach Situation Handlungsanweisungen heraus, beispielsweise "schreie laut" oder "so schnell wie möglich weg von hier", die an das motorische Nervensystem weitergeleitet werden.

Da die Bewertung sowohl in den impliziten als auch im expliziten Gedächtnis stattfindet, haben beide Gedächtnis-Arten während ihrer langen Evolution die Fähigkeit entwickelt, die Kontrolle über die Reaktionen und damit das Handeln übernehmen zu können. Allerdings gibt es im Normalzustand des Menschen eine Aufgabenteilung, die etwa folgendermaßen beschaffen ist:

  • "Automatisierte" Vorgänge wie das Gleichgewichthalten beim Skifahren oder Surfen, das Kuppeln und Schalten beim Autofahren, oder das Schreiben von Buchstaben (nicht jedoch die Sinn-Inhalte des Geschriebenen!) werden von der Amygdala und den impliziten Gedächtnissen gesteuert; man kann dies daran erkennen, dass die entsprechenden Vorgänge trainiert werden müssen. Klavierspieler oder andere Musiker können ein Lied davon singen!
  • "Höherwertige" Vorgänge wie das Erfassen des Sinns von Worten finden ausschließlich im Großhirn statt, da nur dieses die dazu notwendige Ausstattung hat.

Grundsätzlich können beide Gedächtnis-Arten die Kontrolle über die Handlungen übernehmen.